Moderation: Jörg Schieke (MDR)
Zwei Autoren blicken auf ihre alte Heimat im Osten und ihre neue im Westen, der eine sieben Jahre nach dem Krieg geboren, der andere zwei Jahre vor der Wende. So unterschiedlich wie ihre Lebensläufe sind auch ihre literarischen Mittel, und doch eint sie ihr Ziel: eine Kartografie der Zwischentöne, das Einfangen der Stimmung, die in der Luft liegt. Das, was bei den großen Erzählungen durchs Raster fällt, ist für Lutz Rathenow und Peter Neumann der Schlüssel zum Verständnis der Welt.
Neumann verbindet kunstvoll und erhellend persönliche Erfahrungen mit Ideengeschichte zu einem klugen Plädoyer dafür, den Mentalitäten, so der Titel seines Essays, hinter den Argumenten nachzuspüren. In klarer Sprache sondiert er die Basis an Erfahrungen und Überzeugungen, die unseren Urteilen zugrunde liegen.
Der DDR-Oppositionelle und Dichter Lutz Rathenow legt mit Trotzig Lächeln und das Weltall streicheln das intime Porträt eines partout nicht passend zu machenden Geistes vor. Den Repressalien des alten Systems und der Absurdität der postsozialistischen Welt setzt er einen leisen, aber unbedingt widerständigen Humor entgegen. Seine Gedichte und kurzen Prosastücke, die auf den ersten Blick verspielt oder beiläufig erscheinen mögen, erweisen sich bei näherem Hinsehen als hochkonzentrierte Formen poetischer Reflexion. Seine Texte kennen den Ernst der Welt, ohne sich von ihm überwältigen zu lassen.
Peter Neumann, geboren 1987 in Neubrandenburg, promovierte in Philosophie und ist Redakteur im Feuilleton der Zeit. Er ist Autor mehrerer Sachbücher. Auf Jena 1800. Die Republik der freien Geister folgte Feuerland. Eine Reise ins lange Jahrhundert der Utopien 1883-2020. Zuletzt erschien der Essay Mentalitäten, in dem er den Mentalitätsunterschieden in Ost- und Westdeutschland nachgeht. Peter Neumann lebt in Berlin.
Lutz Rathenow, geboren 1952 in Jena, schreibt Lyrik und Prosa. Vom Germanistik- und Geschichtsstudium an der Universität Jena aus politischen Gründen exmatrikuliert, ging er nach Ostberlin und wurde 1980 nach der Veröffentlichung seiner Texte im Westen von der Staatssicherheit verhaftet. Bekannt wurde er 1987 mit dem zusammen mit dem Fotografen Harald Hauswald entstandenen Bildband Ost-Berlin. Die andere Seite einer Stadt. Zuletzt erschienen 2022 sein literarischer Lebenslauf Trotzig lächeln und das Weltall streicheln und im April 2026 der Gedichtband Zangengeburt. Gedichte aus einem anderen vergangenen Jahrtausend. Von 2011 bis 2021 war Lutz Rathenow Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er lebt in Berlin.
Jörg Schieke, geboren 1965 in Rostock, ist freier Schriftsteller und Redakteur beim MDR. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände und wurde mit dem Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet.

