Moderation: Judith von Sternburg (FR)
Migration gab es auf beiden Seiten der Mauer. André Kubiczeks autofiktionaler Roman Nostalgia erzählt von einer jungen Frau, die in den Osten kam. Ende der 1960er Jahre verschlug es sie der Liebe wegen aus Laos nach Potsdam. Kurz darauf wird André geboren – und merkt schnell, dass er anders aussieht und wahrgenommen wird als die vielen Kinder um ihn herum. Von der oft gepriesenen Völkerfreundschaft ist wenig zu spüren. Tagtäglich hat er nur ein Ziel: nicht auffallen, um den Schikanen in der Schule und den Diskriminierungen im Alltag zu entgehen. Und dann wird auch noch seine Mutter schwer krank und sein Bruder zum Pflegefall. Ihnen gewidmet, ist Nostalgia schließlich auch ein Buch der Erinnerung und gegen das Vergessen.
Gleich der zweite Satz offenbart, worum es geht. Der Vater des Erzählers ist gestorben. Als türkischer Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, hatte er schnell begonnen, sich anzupassen und eine Familie zu gründen. Nach den Arbeitsjahren war er in die alte Heimat zurückgegangen. Nach dem Tod des Vaters reist der Erzähler zu dessen Grab. Mit dem Wohnmobil beginnt ein Roadtrip vom norddeutschen Kiel bis in die Türkei. Doch Feridun Zaimoglus Sohn ohne Vater beschreibt gerade keine Reise zu den eigenen Wurzeln – denn es ist nicht sein Land, sondern das seiner Eltern. Ein berührender Roman über Tod, Trauer und das Verbindende und Trennende zwischen Menschen.
André Kubiczek, geboren 1969 in Potsdam, ist Sohn eines deutschen Vaters und einer laotischen Mutter. 2002 erschien sein Debütroman Junge Talente, es folgten unter anderem Die Guten und die Bösen sowie Skizze eines Sommers, der von einem Jugendsommer in der späten DDR erzählt und 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Zuletzt erschien 2024 der autobiografische Roman Nostalgia, der ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für sein Werk wurde André Kubiczek mit dem Candide-Preis ausgezeichnet. André Kubiczek lebt in Berlin.
Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in Bolu in der Türkei, kam 1965 mit seinen Eltern nach Deutschland und studierte Kunst und Humanmedizin. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker, Journalist und Maler und veröffentlichte unter anderem den Erzählband Zwölf Gramm Glück und die Romane Leyla, Liebesbrand und Bewältigung. Zuletzt erschien sein Roman Sohn ohne Vater, der für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert wurde. Für sein Schreiben wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis, dem Preis er Literaturhäuser, dem Berliner Literaturpreis und dem Walter Kempowski Preis für biografische Literatur des Landes Niedersachsen. Feridun Zaimoglu lebt in Kiel.
Judith von Sternburg, geboren 1967 in Wiesbaden, ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.

