Kerstin Hensel · Matthias Jügler
  • Kerstin Hensel © Susanne Schleyer
  • Matthias Jügler © Michael Bader

Moderation: Shirin Sojitrawalla

Kerstin Hensel und Matthias Jügler erzählen von Versehrungen und Traumata aus DDR-Zeiten, von den einen verdrängt, während die anderen an ihnen zerbrechen. Doch so oder so sind es Erfahrungen, die bis ins Körperliche hineinwirken – und dort ein Leben lang bleiben.

Das Chemiewerk in einer mitteldeutschen Industriestadt vernebelt die schwierige Beziehung eines Geschwisterpaars über die Jahrzehnte. In der zweiten Geschichte des Erzählungsbandes Abendgruß geht eine Influencerin der Frage nach, weshalb sie nicht gähnen kann. Weshalb stellt uns das Leben vor derart viele Rätsel? Und weshalb sind uns die Menschen an unserer Seite oft so fern? Kerstin Hensel hält sich bedeckt mit Urteilen, Erklärungen und simplen Einordnungen. Sie erzählt einfach. „Hensels Geschichten sind sehr subtil, sehr magisch, sehr fiktiv und trotzdem echt.“ (F.A.Z.)

In seinen beiden Romanen Die Verlassenen und Maifliegenzeit verarbeitet Matthias Jügler die noch immer schmerzenden Wunden der DDR-Vergangenheit. Er stößt bei seinen Spurensuchen auf ein Netz aus Schuld und Verrat, das ein verstörendes Licht auf die Abgründe der realsozialistischen Gesellschaft wirft. Atmosphärisch dicht und mit eindringlicher Klarheit gelingt ihm diese Bestandsaufnahme, doch lässt er in seiner ruhigen Erzählweise gleichzeitig Raum für die Trauer über einen unwiederbringlichen Verlust.

Kerstin Hensel, geboren 1961 in Karl-Marx-Stadt, studierte nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester am Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig. Seither zählen zu ihren umfangreichen Veröffentlichungen Lyrik, Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Kinderbücher, darunter der Roman Im Spinnhaus sowie zuletzt 2024 Die Glückshaut. In ihrem neuen Erzählband Abendgruß, der im Frühjahr 2026 erschien, verfolgt sie Familienlebenswege zwischen Ost und West. Sie wurde unter anderem mit dem Anna-Seghers-Preis und dem Ida-Dehmel-Literaturpreis ausgezeichnet. Kerstin Hensel unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und ist Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste in Berlin, wo sie auch lebt.

Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle an der Salle Saale, arbeitet journalistisch und als freier Lektor und ist Herausgeber von Anthologien, zuletzt Wir dachten, wir könnten fliegen. Sein Roman Die Verlassenen erschien 2021 und macht die Verbrechen der Staatsicherheit als Familientrauma sichtbar. Maifliegenzeit handelt von einem Vater, dessen neugeborener Sohn im Krankenhaus für tot erklärt wurde und sich Jahrzehnte später doch meldet. Matthias Jügler wurde unter anderem 2022 mit dem Klopstock-Preis und 2024 mit dem Rheingau Literatur Preis ausgezeichnet. Er lebt in Leipzig.

Shirin Sojitrawalla, geboren 1968 in Freiburg, arbeitet als freie Literatur- und Theaterkritikerin unter anderem für die taz und den Deutschlandfunk. Für ihre Arbeit wurde sie 2025 mit dem Jörg-Henle-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.

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