Foto: Alexander Paul Englert

„Eine dieser missglückten Träumereien in der Menschheitsgeschichte“ sei die DDR gewesen und nachzuweinen gäbe es ihr auch nichts, so Christoph Hein in einem Interview 2004. Und doch ist sie bis heute eines seiner Lebensthemen. Sein jüngst erschienenes Opus magnum Das Narrenschiff über eine SED-Funktionärsclique passt hervorragend zur diesjährigen Ausgabe von literaTurm, die sich der literarischen Verhandlung der DDR und Ostdeutschlands widmet.

Kein leichtes Unterfangen indes, geht es doch um Deutungshoheiten und Selbstverortungen im Kontext der Ost-West Debatte, die fast vierzig Jahre nach der Wende die Herzfrequenz dieses Landes in die Höhe treibt. Dass wir heute vor einer unsichtbaren Mauer stehen und eine Ost-Identität mit einem „eigenständigen Kultur- und Deutungsraum“ (Steffen Mau) erleben, hat Ursachen, die bis in die DDR-Zeit und die Wendejahre zurückreichen. Die gärende politische Kultur im Osten entzaubert nicht nur die Einheitsfiktion, sondern provoziert auch Debatten – und dies insbesondere im Vorfeld der Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Blickt man zurück auf die Situation in der DDR, so sieht man eine Staatssicherheit, die vor allem Dissidenz im Visier hatte, von jugendlicher Rebellion bis hin zur Friedensbewegung. Wolfgang Hilbig, Klaus Schlesinger, Volker Braun, Thomas Brasch und Helga M. Novak, neben vielen anderen, fanden dafür literarische Formen, die die Erinnerung an die DDR überdauern werden. Die jüngere Generation schreibt dagegen aus der zunehmenden historischen Distanz. Bei allen Unterschieden in den Romanen und Erzählungen aber liest man aus ihren Texten nicht nur eine Suche nach Prägungen, die die Wende überdauern, sondern auch eine solche nach Gerechtigkeit den Menschen im Osten gegenüber. Und gefunden werden vielmehr nicht das binäre Täter-Opfer-Schema, sondern Lebenswege, die aus „verschiedenen Momenten und Entscheidungen, aus Widersprüchen und Gleichzeitigkeiten“ bestehen, wie es in Peggy Mädlers Roman Selbstregulierung des Herzens heißt.

In den Texten von literaTurm 2026 geht es um Kybernetik und Kranfahrerinnen, um apokalyptische Umweltzerstörung, Zwangsadoptionen und den Suizid einer Pianistin, um DDR-Design sowie das kleine Datschenglück. Die Post-Wende-Generation thematisiert die kollektive Erschöpfung nach der Euphorie des Mauerfalls, nimmt die „Baseballschlägerjahre“ in den Blick und spannt den Bogen bis in die Coronazeit. Mögen die Autor:innen auch ihrer Rolle als „Ost-Erklärbären“ (Lukas Rietzschel) müde sein, so zeigt doch der große Erfolg von Sanditz beispielhaft, dass es für die einen um Selbstvergewisserung, für die anderen um ein Verstehen geht.

Für unser diskursiv angelegtes Festival haben wir Sachbücher und fiktionale Werke der jüngeren Zeit ausgesucht, die überwiegend in Tandems vorgestellt werden.Unser Leitgedanke war, den Osten als Teil einer größeren Debatte über das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen von heute zu betrachten. Um einer Nabelschauzu entgehen, haben wir den großen ungarischen Schriftsteller Péter Nádas eingeladen, der die Mauerstadt Berlin in den 1980er als Stipendiat des DAAD Künstlerprogramms kennenlernte, sowie die indischstämmige, heute in den USA lebende Trägerin des Booker Prize Kiran Desai.

Den Abschluss bildet eine Matinee zu Tschechien – als Brückenschlag zum Gastland der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2026 und als Hommage an unsere Partnerstadt Prag, die Stadt des Aufstands von 1968.

Dr. Sonja Vandenrath
Festival- und Programmleitung

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